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Die Reservistenpfeife



Viele Pfeifen- und Tabakutensilien wurden noch von unseren Urgroßvätern verwendet, sie stammen zum gewissen Anteil aus der Kleinstadt Ruhla bei Eisenach. Noch in der Blüte des Messerschmiedehandweks vor über 250 Jahren wurde mit der artverwandten Pfeifenbeschlagfertigung der Grund zu einem neuen, bald danach notwendigen Erwerbszweig gelegt. Ruhla entwickelte sich für Jahrzehnte zur "Pfeifenrauchermetropole" der ganzen Welt.
Den Anfang des Ruhlaer Tabakpfeifengewerbes bildete die Einführung des Tabakpfeifenbeschlagens durch Simon Schenk aus Zillbach in der Rhön (1739). Das Versiegen einheimischer Erze und die Abwerbung vieler Ruhlaer Messerschmiede durch den König von Preussen um 1750 zwang zur Umstellung auf den neuen Erwerbszweig. Im Umgang mit der Metallverarbeitung versiert, bot die Beschlägefertigung einen neuen Broterwerb. Schon kurze Zeit später stellten die Ruhlaer selbst komplette Tabakspfeifen aus verschiedensten Materialien her. Die erste Firma hieß Gebrüder Ziegler, 1767 gegründet, eine Firma, die in erheblichem Maße zur Entwicklung der Meerschaumwarenfabrikation in Ruhla beigetragen hat. 1797 gab es 12 Händler und Hersteller von echten Meerschaumköpfen. Bereits ein Jahr später konnte man 16 Werkstätten mit 70 Beschäftigten zählen. Die Gründung einer Zeichenschule trug wesentlich zur Verbesserung der gestalterischen Möglichkeiten der Pfeifenköpfe aus Porzellan bei.
Im Jahre 1833 betrug der Branchenumsatz 2 Millionen Taler. Neben 10 großen Beschlägefabriken existierten zahlreiche kleinere. Zwischen 1867 und 1869 zählte man 115 Geschäfte, Werkstätten und Fabriken in der Tabakpfeifenbranche Ruhla.
4534 Einwohner zählte dieses traditionelle Pfeifenzentrum nach der letzten Volkszählung von 1880, wobei von den erwerbsfähigen Personen weit über die Hälfte in dem industriellen Pfeifengewerbe arbeitete. Eingesetzt vor allem als: Pfeifenschnitzer - die Holzpfeifen wurden durch die Pfeifenschnitzer mit Reliefschnitzereien versehen. Besonders beliebt wurden die kurzen Bauernpfeifen mit Jagdmotiven, die noch heute in der Rhön hergestellt werden, wo die Schnitzeschon früher beheimatet waren. Schlauchmacher - für die Ende des 18. Jahrhunderts aufkommenden Gesteckpfeifen wurden biegsame Schläuche als Zwischenstücke benötigt, die ausschließlich von Frauen und Mädchen hergestellt wurden. Meerschaumkopfschneider - aus den meist faustgroßen Meerschaumstücken schnitt der Meerschaumkopfschneider die etwaige Form der Pfeifenköpfe und bearbeitete diese, nach dem Drechseln und Trocknen durch Ebnen mit Schachtelhalmen und Einschneiden figürlicher Darstellung, fertig. Besonders feine Arbeiten wurden von den "Buntschneidern" und "Meerschaumbildhauern" hergestellt. 1878 gab es mehr als 22 Fabrikanten und über 12 Handwerker, die Meerschaumköpfe bearbeiteten. Pfanschler - die Masse des unechten Meerschaumes stellte der Pfanschler her. Er bereitete sie für den Kopfschneider vor, indem er sie filterte, trocknete und in die gewünschte Kopfform panschte. Beim unechtem Meerschaum handelte es sich um Abfälle des echten Meerschaumes, die wieder verwandt wurde und damit eine Massenproduktion von Meerschaumpfeifen gegünstigte. Beschlägemacher - aus Messing, Neusilber und Silberblech fertigte der Beschlägemacher in Handarbeit Einfassungen, Deckel, Scharnierteile und Ringe in über 200 Sorten an. Ab 1840 ging man zur maschinellen Fertigung über. Etuimacher - Für anspruchsvolle Pfeifenköpfe und Zigarettenspitzen wurden aus Holz gearbeitete, mit Leder überzogene und mit Samt und Seide gefütterte Etuis hergestellt. Horndrechsler - dieser stellte die für die Gesteckpfeifen benötigten Hornteile her. Porzellanmaler - Ab Ende des 18. Jahrhunderts kam der Porzellanpfeifenkopf in Mode. Die aus thüringischen und oberfränkischen Fabriken bezogenen weißen Stummel animierten zur Malerei, die ab etwa 1830 in einem eigenen Handwerkszweig zunächst als Freihandmalerei auf der Glasur ausgeführt wurde. Ab 1836 wurde der weniger aufwendige kolorierte Konturendruck gebräuchlich. Bis 1868 wurden 61 Porzellanmaler- und 3 Porzellandruckergewerbe angemeldet. 1930 gab es noch 3 Porzellanmaler in Ruhla. Mit dem letzten Porzellanmaler Carl Beßler (1887 - 1957) starb dieses Gewerbe aus. Die Ruhlaer Kaufleute haben den damaligen Weltmarkt von preiswerten Tabakspfeifen aus Bruyèreholz, Meerschaum und Porzellan beherrscht und teils die serienmäßige Anfertigung auch über die Hausindustrie abgewickelt. Exportiert wurde u. a. nach Russland, England, Belgien, Niederlande, Italien, Frankreich, Skandinavien, Amerika, Australien, Afrika, Grönland und Kamtschatka.
Neben dem kaum überschaubaren Zubehör lag die damals durchschnittliche Jahresproduktion von völlig zusammengesetzten Tabakspfeifen aus unterschiedlichen Materialien bei etwa 15 Millionen Stück. Zu dieser Kategorie gehören auch jene historischen Reservistenpfeifen, die man bis auf wenige Ausnahmen nur in Deutschland benutzte und die hier als vaterländisches Wahrzeichen überlebten. In der schon sprichwörtlichen "Haben sie gedient?" - Epoche erwarb der Reservist sie als brauchbares Rauchgerät und überdies zum Andenken an seine Dienstzeit. Das Ungetüm von einer militärischen Tabakspfeife hatte angesichts des Zeitalters von längst modernen "Schlagpfeifen" und den beliebten Zigarren einen schon etwas antiquierten Eindruck gemacht.
Entwickelt hatte sich diese Soldatenpfeife in den damaligen Freiheitskriegen, als viele patriotische Studenten gegen die napoleonische Unterdrückung kämpften und hier bereits vergleichbare Rauchgeräte verwendeten. Ihr studentisches Verbindungswesen und der stark aufkommende Andenkenkult mit seinen feinsinnigen Dedikationen reichten bis in die Kasernen. Zunächst war die dafür bevorzugte Porzellanpfeife mit fein gemalten Regimentemblemen vor allem den Offizierskorps vorbehalten, wie die entsprechenden Widmungen an den wenig erhaltenen Frühpfeifen belegen.
Eine zunehmende Verbreitung dieser militärischen Rauchgeräte geschah dann durch bessergestellte Berufssoldaten aus den berittenen Truppenteilen mit ihren bevorzugten Dekorationen von militärischen Reiterszenen. Zu den damals geschätzten Porzellanmalern, die sich auf "Rekruten-Pfeifen" spezialisierten, gehörte z.B. die Trierer Hausmalerfamilie Warlang.
Der Künstler Johann Baptist Warlang hatte auf einigen erhaltenen Tabakspfeifen seine meist bevorzugten Reiterszenen nach militärischen Druckvorlagen wohl mit "WB" monogrammiert. Zuletzt hatte sich der 73jährige Hausmaler in einem überlieferten Brief von 1864 beklagt, es sei mit bemalten Soldatenpfeifen bei ihm keine Bestellung mehr, da jetzt alle Soldaten zu seinem Sohn laufen.
Aber nicht nur der Generationenwechsel sondern auch die fortschreitende Industrialisierung hatte das ehemalige Kunsthandwerk verdrängt und so manchen Porzellanmaler nah an den Bettelstab gebracht. Eine Renaissance erlebten die Sodatenpfeifen durch die starke Nachfrage in den siegreichen Feldzügen Preußens gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Spätestens ab der umjubelten Kaiserproklamation von Wilhelm I. im Januar 1871 im französischen Feindesland, hatte sie ihren nationalen Charakter erhalten. Als Hauptmodell benutzte man mehrteilige Gesteckpfeifen mit langem Weichselrohr und einem aufsteckbaren Porzellanstummel mit entsprechenden Verzierungen. Für die meist mittellosen Wehrpflichtigen musste sich die Reservepfeife in einem erschwinglichen Preisniveau bewegen, das man durch Serienprodukte mit dem eingesetzten Umdruckverfahren erreichte. Abgesehen von einer bescheidenen Handmalerei waren die Reservebilder von den produzierenden Porzellanfabriken vorgegeben, dabei standen die gesellschaftlichen Grundwerte, wie die Treue zum Landesfürsten und die Pflicht zur Wehrbereitschaft, an vorderster Stelle. Auf einigen Pfeifenköpfen lässt sich das traditionelle Symbolbild der Treuehände wohl schon als versinnbildlichte Begeisterung über die nationale Vereinigung interpretieren. Gleichzeitig findet man diese Bruderhände auch auf einigen Darstellungen mit einem stehenden Männerpaar von einem Soldaten im Handschlag mit einem Zivilisten und dazu allerlei Handwerksinsignien.
Solche Reservebilder mag bereits die Wehrerziehung zu einem gemeinsamen Gehorsam bis in die bürgerliche Berufstätigkeit reflektieren, ist doch nach damaliger Militärdoktrin auch der Reservist in seiner vertrauten Berufsausübung immer noch Soldat geblieben. Mit dieser Einstellung wurden auch die Vorraussetzungen für die bürgerliche Reserve-Armee geschaffen, wohl boten solche Reservepfeifen in einigen Einzelfällen auch eine werbewirksame Unterstützung bis hin zum preußischen Militarismus. Zum Ende des 19. Jahrhunderts, also in der Blütezeit der soldatischen Tabakspfeifen, wurden nun die verschiedensten Reservebilder für alle vorhandenen Waffengattungen aufgelegt. Aber in dieser vielfältigen Bilderkette findet sich im Grundprinzip eine meist eher einfältige Wiedergabe von dem tatsächlichen Soldatenleben, teils sogar eine karikaturhafte Überzeichnung.
Zu den Ausführungen der farbig ausgemalten Druckbilder kommen oft noch zusätzliche Garnierungen von plastischen Eichenblättern, Zierschleifen oder Blumenblüten hinzu. Natürlich gab es den Erzfeind, dafür sorgten schon die Gerüchte über eine französische Invasion und entsprechende Aufschriften auf den überlieferten Pfeifenköpfen, z. B. "Wer Frankreichs Grenze hat bewacht, hat als Soldat was mitgemacht". Neben den furchterregenden Riesenkanonen glänzte die Wehrbereitschaft vor allem durch arglose Soldatenszenen aus den mannigfachen Waffengattungen z.B. der Artillerie, Infantrie oder Kavallerie. Vertreten war auch das lustige Soldatenleben durch fröhliche Wirtshausszenen und den verbreiteten Fassreiter aus dem studentischen Verbindungswesen mit seinem Saufparagraphen "§11".
Weiter erklärten sich Heimatgefühle durch die abgebildete Ziviltätigkeit, sei´s als Hufschmied, Landwirt oder Fabrikarbeiter, und auch durch herzliche Abschiedsszenen. Einige der oft wiederholten Darstellungen zielen in Richtung "Parole Heimat", zeigen sie nach dem überstandenen Kasernendrill doch auch die Sehnsucht nach den geliebten Angehörigen. Über allem thront aber Kaiser Wilhelm II., er wurde als oberster Befehlshaber gerne als ehrfürchtiges Brustbild in seiner Husaren-Leibgarde-Uniform abgebildet. Die Beschriftung enthält den handschriftlichen Besitzernamen, die Regiments-Nr., die Dienstzeiten etc., meist immer als Abkürzung wie "5. Comp. 8. Inf.-Reg. Metz 1893-95". Und auf der Rückseite die aufgereihten Familiennamen von allen verbündeten Kameraden, dazu überwiegend simple Wahlsprüche wie "Brüder stoßt die Gläser an, hoch lebe der Reservemann". Gerade wegen dieser offenkundigen Trivialität kann diese verbreitete Reservepfeife als Spiegelbild für das längst vergangene Kaiserreich mit seinem staatstragenden Grundsatz "Befehl ist Befehl" herhalten. Sie ist damit auch Zeitdokument über militärischen Größenwahn mit seinen sozialen Mißständen und dem zunehmenden Proletariat. Letztlich war aber diese Reservistenpfeife für die überwiegenden Wehrpflichtigen ganz einfach ein Andenken an ihre Dienstzeit und wohl Gott sei Dank auch immer im Nachhinein mit einer freundlichen Erinnerung verbunden. War trotz aller dargestellten Drohgebärden quasi eine praktizierende Friedenspfeife, die mit dem herannahenden Kanonendonner des 1. Weltkrieges aus dem ernsthaften Soldatenleben verschwand.
Die "Reserve-Pfeife", so die damalige Bezeichnung ist ein Gemeinschaftsprodukt von einigen deutschen Porzellanfabriken, Drechslerbetrieben und Beschlägefirmen, sowie weiteren unterschiedlichen Zulieferen.
Wobei sich die bedeutendste Herstellung in der bereits besprochenen Pfeifenstadt Ruhla abspielte, die ihre gefertigten Militärpfeifen teils sogar bis Afrika zu den deutschen Kolonialtruppen lieferte. Arbeitsberichte etc. und ein illustriertes Musterbuch aus der Wende zum 20. Jahrhundert von der seit 1826 produzierenden Pfeifenfabrik Henri Schenk gibt dazu interessante Einblicke.
Hier werden auf rund 120 Seiten viele unterschiedliche Tabakspfeifen und auch ausgesuchte Pfeifenrohre aus Weichselbaum, Pflaumenholz oder Teestauden angeboten. Zum Unternehmen mit dem eigentlichen Fabrikinhaber Arnold Otte zählte noch eine Beschlägefabrik, abgebildet sind auch repräsentative Reservistenpfeifen. Zeitbedingt wurden die geläufigsten Pfeifenteile bereits mit modernen Industriemaschinen bearbeitet, so hatte man zum Beispiel die langen Weichselrohre mit speziellen durch Wasserkraft angetriebenen Bohrmaschinen durchbohrt. Den größten Anteil von diesem vielfältigen Zubehör fertigten aber Ruhlaer Pfeifenarbeiter mit meist primitiven Werkzeugen in der schlecht bezahlten Hausindustrie und in einem oft 16-stündigen Arbeitstag. Blickfang dieser martialischen Tabakspfeifen ist das mächtige "Reserve Rohr" von etwa 1 1/2 Meter Länge, das man mit stark verzierten Aufsätzen aus verschiedenen Hornstücken, Beinrohren und Geweihkronen aufbaute.
Das Weichselrohr war ursprünglich den Türken vorbehalten, wurde dann aber durch österreichische Fachleute in besonderen Badener Weichselgärten kultiviert und kam somit auch nach Deutschland. Gewöhnlich hatte man die Mundspitze aus schwarzem Büffelhorn gedreht und daran einen beweglichen Pfeifenschlauch aus einem Drahtgewinde mit meist übersponnenem Seidengarn befestigt. Der Pfeifenschlauch wurde vornehmlich von Ruhlaer Frauen mit der Hilfe von besonderen Spinnmaschinen fabriziert, oft bestand das ältere Schlauchgewebe aus Rosshaaren. Ein hier nur kurzgefasster Fertigungsbericht der einfachen Mundspitze soll den hohen Arbeitsaufwand der vollständigen Tabakspfeife verdeutlichen.
Die gerade "Reserve-Spitze" wurde aus der massiven Kernspitze von ungarischen Büffelhörnern geschnitten, daneben verwendete man auch andere Hornarten. Zunächst gewann man durch Vierteilung des bebogenen Naturhorns auch vier entsprechende Hornteile, sie wurden im Wasser gekocht und dann über einem Kohlenfeuer in eine gerade Stellung gebogen. Die zugefeilten Hornrohlinge hat man auf einer Drehbank durchbohrt und in die spezielle Rippenform abgedreht und dann mit Schleifmittel poliert. Zudem musste man das Gewinde schneiden, die Hornteile mit einer schwarzen Spezialbeize einlassen und dazu den Pfeifenschlauch anbringen. Einen weit umfangreicheren Arbeitsaufwand verlangte z. B. der Y-förmige "Reserve-Abzug" wegen seiner komplizierten Grundform, auch für diesen Saftsack bevorzugte man Büffelhorn, nahm dazu aber auch Porzellanabzüge. Die Großverleger bezahlten die Heimarbeiter meist nach dem Dutzend der gefertigten Einzelteile, teils wurden dabei die benötigten Rohstoffe, z. B. der Weichselstock und die verschiedenen Hornarten, gestellt.
Ein Ruhlaer Drechsler erhielt für ein Dutzend bearbeiteter Weichselrohre mit den gedrehten Mundspitzen im Durchschnitt etwa 2 Mark, er kam dabei auf einen Monatslohn von rund 60 Mark. Dabei haben sich wieder andere Pfeifenarbeiter auf die verzierten Aufsätze spezialisiert, die je nach den Waffengattungen die verschiedensten Militärzeichen präsentieren. Allein das Reserverohr der Kavallerie besitzt aus unterschiedlichen Materialien z. B. die figürliche Darstellung als Pferdekopf, Pferdesattel oder Hufeisen etc. Der porzellanene Pfeifenstummel in klassischer Fersenform mit seinem bauchigen Tabakskessel wurde meist von thüringischen Porzellanmanufaturen aber z. B. auch von der Manufaktur Hausen aus Oberfranken geliefert. Die Blaumarke "CA", die gelegentlich bei Reservistenpfeifen meist im verwischten Zustand an dem unteren Stummelzapfen vorkommt, weist auf die Arzberger Porzellanfabrik Carl Auvera hin. Gewöhnlich bestand die bevorzugte Dekorationstechnik neben der flüchtigen Bemalung aus einem speziellen Umdruckverfahren mit einer Bildvorlage über eine gestochenen Kupferplatte. Dabei wurde das betreffende Gravurbild mit einem präparierten Seidenpapier abgezogen und nun dieser Papierabzug mit den speziellen Porzellanfarben auf dem gewölbten Porzellankopf umgedruckt. Nach der Handschrift der meist gedruckten Reservistenbilder reduzieren sich die verwendeten Druckvorlagen auf nur wenige Anbieter. Das Umdruckverfahren wurde bevorzugt von Ruhlaer Mädchen mit der Hilfe von bestimmten Vorrichtungen ausgeübt, ihr durchschnittlicher Monatslohn lag bei 20 Mark. Zunächst wurden auch nur die Bildumrisse aufgedruckt und von den zahlreichen Fabrikmalern mit den speziellen Porzellanfarben ausgemalt und in einem Brennofen eingebrannt. Schriftenmaler haben dazu den Besitzernamen, die entsprechende Kompanie und die zahlreichen Familiennamen der engsten verbundenen Kameraden angebracht. Sie erhielten die schriftlichen Vorlagen über die gewünschte Beschriftung von der soldatischen Kundschaft meistens im Rahmen eines gut funktionierenden Versandwesens.
Die Ruhlaer Pfeifenwaren wurden auch über den Kleinhandel in ganz Deutschland vertrieben und von diesen örtlichen Pfeifengeschäften dann als fertig zusammengesetzte Tabakspfeifen verkauft. Teilweise hatte man die Porzellanköpfe mit den vorgedruckten Bildumrissen oder mit den komplett eingebrannten Abziehbildern an die selbständigen Hausmaler in den Garnisonsstädten vergeben. Sie haben dann die Reservistenpfeifen vor Ort für den Soldaten mit den entsprechenden Beschriftungen versehen und dabei gelegentlich ihre Signatur angebracht, z. B. "H. Thanscheidt, Düsseldorf". (Vgl. Titschack, Hans: Die Reservistenpfeife. Ein Wehrzeit-Erinnerungsstück als volkskundliches Dokument 1813 -1918, Potsdam 1999, S. 110).
Der Ruhlaer Fabrikmaler bekam für ein Dutzend dekorierte Pfeifenköpfe mit der vorgegebenen Beschriftung im Durchschnitt etwa 4 Mark, er kam dabei auf einen Monatslohn von rund 70 Mark. Im letzten Arbeitsgang versahen die Beschlägemacher nun den dekorierten Porzellankopf mit einem passenden Pfeifendeckel, und in der Regel haben sie aus den verschiedenen Einzelteilen auch die vollständige Tabakspfeife zusammengesetzt. Produziert wurden die mannigfachsten Messingdeckel mit modernen Prägemaschinen in oft mehreren Arbeitsgängen, kaum noch mit Handarbeit, auch bestanden sie oftmals aus Neusilber. Die Pfeifendeckel in den unterschiedlichsten Helmformen sind bereits aus früherer Zeit bekannt, doch die charakteristische Pickelhaube wurde zuerst von Ruhlaer Beschlägefabriken eingeführt. Sie ist eine miniaturhafte Nachbildung der originalen Militärhelme und man muss zu ihrer Herstellung wissen, daß schon die Ruhlaer Metallfabriken neben allen erdenklichen Militäreffekten auch fast alle Zierbeschläge für die deutschen Originalhelme produzierten. Für die Ausstattung der sodatischen Tabakspfeifen mit allen erdenklichen Militärzeichen waren also in der Pfeifenstadt Ruhla die besten Voraussetzungen gegeben. Überwiegend erhielt der Beschlägemacher für den kompletten Zusammenbau der verschiedenen Pfeifenteile einen durchschnittlichen Monatslohn vo etwa 60 Mark. Schließlich gab es noch die Quastenmacher, die eben die Pfeifenkordel und die farbigen Quasten anbrachten. Viele dieser genannten Zulieferer bestanden in aller Regel aus kleinen Familienbetrieben. Im Einkauf hat eine komplette "Reserve-Pfeife" in der damaligen Zeit etwa 6 Mark gekostet, was für einen jungen Wehrpflichtigen ein kleines Vermögen bedeutete, wenn man den durchschnittlichen Monatssold von etwa 10 Mark berücksichtigt. Sie waren auch ein beliebtes Weihnachtsgeschenk und meist eine lebenslange Begleiterin, wie die stark verkohlten Tabakreste bei so manchen Rauchgeräten verraten.
Der Niedergang des Tabakpfeifengewerbes wurde vor allen Dingen durch das Aufkommen der Zigarette ausgelöst. Der letzte Meerschaumpfeifenkopfschneider, Franz Thiel, starb 1980 und mit ihm das traditionsreiche Gewerbe. Über 200 Jahre wurden in Ruhla Tabakspfeifen hergestellt und in alle Erdteile geliefert. Heute hat das Tabakpfeifengewerbe einen geschichtlichen und musealen Wert. Herrlich gearbeitete Tabakpfeifen aus verschiedenen Materialien, vor allem Meerschaum- und Porzellanpfeifen, zieren das Ruhlaer Tabakpfeifenmuseum.
Es befindet sich in einem der schönsten und ältesten Fachwerkhäuser der Stadt. Den Besucher erwartet neben vielen anderen Dingen eine umfangreiche Sammlung historischer Tabakpfeifen von außergewöhnlicher Schönheit. Hier kann man erfahren, was für einen langen Weg es brauchte, um am Ende ein wahres Kunstwerk in den Händen zu halten.
Quelle: Metz, Pfeifenmuseum Ruhla

Ruhlaer Tabakpfeifenmuseum &
Museum für Stadtgeschichte
Obere Lindenstrasse 29/31
99842 Ruhla
Tel.:036929/89014 oder
Touristeninformation
Tel.:036929/89013
E-mail:silke.moeller@ruhla.de













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